(TV; 06.10.2000)
Monika Groß war 20 Jahre lang die Vorsitzende des
Katholikenrats im Bistum und galt als ruhige aber bestimmte
Diskussionspartnerin. Im Gespräch mit dem Trierischen
Volksfreund zieht die 59-jährige Grundschullehrerin aus
Irsch/Saar Bilanz.
Der
Katholikenrat ist das wichtigste Laiengremium der katholischen
Kirche. Welche Rolle spielt er innerhalb der Kirche
und in der Gesellschaft?
Groß: Sie sprechen schon an, dass es zwei Aufgaben gibt, wobei die Rolle
in der Gesellschaft die primäre ist. Der Katholikenrat
soll die Interessen der Katholiken in der Gesellschaft
vertreten. Das heißt, er soll Themen, die in der Gesellschaft
von Wichtigkeit sind, darauf hinterfragen, ob sie mit
den christlichen Werten in Einklang stehen. In der Kirche
haben wir die Aufgabe, auch die Interessen der Laien
zu vertreten. Wir können Vorschläge machen und im Pastoralrat
den Bischof beraten.
Der Einfluss des Katholikenrats ist begrenzt. Seine Ratschläge
haben lediglich empfehlenden Charakter. Wie und ob der Bischof darauf reagiert,
bleibt ihm überlassen. Fühlt man sich da nicht manchmal wie der Rufer in der
Wüste, dessen Worte ungehört verhallen?
Groß: Das ist schon oft vorgekommen. Wir haben aber durch unsere Beständigkeit
auch in vielen Bereichen Erfolge gehabt. Ich denke,
das Wichtigste ist, dass durch die Arbeit der Laien
die Kirche auch intern an Profil gewonnen hat.
Wie artikuliert sich die Stimme der Katholiken, bei welchen Themen
sind sie besonders gefragt?
Groß: Die Themen entsprechen eigentlich immer den Fragen, die im Moment
in unserer Gesellschaft aktuell sind. Hier möchte ich
die drei großen Bereiche des konziliaren Prozesses nennen:
Gerechtigkeit, Frieden, Bewahrung der Schöpfung. Gerechtigkeit
bedeutet konkret: Recht auf Arbeit, die Situation von
Kindern, von Familien. Gerechtigkeit bedeutet aber auch
das Gefälle zwischen Nord und Süd, zwischen den reichen
und armen Ländern. Im Bereich Frieden waren die Konflikte
im Kosovo, in Tschetschenien und im Sudan in letzter
Zeit aktuell.
Welche Position hat der Katholikenrat da bezogen?
Groß: Wir haben in den Vordergrund gestellt, dass alle Staaten das Selbstbestimmungsrecht
von Menschen und Völkern achten müssen. Außerdem haben
wir stets darauf hingewiesen, dass die Ressourcen nicht
unbegrenzt sind und für den schonenden Umgang mit Energie
und mit unseren Lebensgrundlagen plädiert.
Das Zweite Vatikanische Konzil hat die Kirche nach außen geöffnet
und die Rolle der Laien gestärkt. Unter Papst Johannes Paul II. gewinnt man
den Eindruck, als entwickle sich die katholische Kirche wieder zurück. Vergrößert
sich die Kluft zwischen Laien und Amtskirche ?
Groß: Ja, die hat sich in den letzten Jahren wirklich vergrößert. Es gab
immer wieder Veröffentlichungen aus Rom, die die Menschen
geärgert haben: zum Beispiel der Ausstieg aus der Schwangerenkonfliktberatung,
aber auch das Dokument Dominus Jesus. (Das Anfang September
veröffentlichte Schreiben des Vatikans erklärt die katholische
Kirche zur "einzigen Kirche Christi", Anm. der Red.)
Diese Kluft bewirkt oft ein Entfernen aus der Gottesdienstgemeinde,
die Menschen gehen nicht mehr aktiv zum Sonntags-Gottesdienst.
Ich glaube nicht, dass diese Verlautbarung die Menschen
direkt vom Glauben entfernen. Solange sie noch darüber
sprechen, sich darüber ärgern, sind sie ja nicht vollkommen
fern.
Auf die Frage, ob sich die Arbeit im Katholikenrat gelohnt habe,
haben sie mit einem "uneingeschränkten Ja" geantwortet. Welche Schwerpunkte
haben Sie als Vorsitzende gesetzt und welche Erfolge können Sie verbuchen?
Groß: Ich habe sehr viele Begegnungen mit Menschen erfahren, die sich engagieren,
die viel Zeit und Arbeit investieren. Und dann hat sich
in den 20 Jahren besonders die Situation der Frauen
verändert. Es sind viel mehr Frauen aktiv geworden.
Wie weit kann man gehen mit der Kritik an der Amtskirche? Ist
katholische Kirche ein Mikrokosmos mit geringer Konfliktbereitschaft?
Groß: Es ging niemals um dogmatische Fragen sondern mehr um die Praxis,
auch bei der Schwangerenkonfliktberatung. Wir waren
der Meinung, in der Praxis kann man verschiedene Wegen
gehen.
Aber da gab es doch durchaus konträre Positionen?
Groß: Zunächst nicht, denn über Jahre waren die Deutsche Bischofskonferenz,
der Katholikenrat Trier oder auch das Zentralkomitee
der Deutschen Katholiken einer Meinung, und erst im
letzten Jahr durch die Intervention des Vatikans kam
der Umschwung in der Bischofskonferenz.
Sie haben das Kirchenvolksbegehren unterstützt, sich für die
Zulassung von Frauen zum Diakonat eingesetzt und für den Verbleib der katholischen
Kirche in der Schwangerenkonfliktberatung gestritten. Bei allen Anliegen mussten
Sie Niederlagen einstecken. Ist Enttäuschung ein Grund für Ihren Rückzug?
Groß: Nein, überhaupt nicht, denn bei Themen wie
Diakonat oder Zulassung von Frauen zum Priesteramt,
da braucht man langen Atem. Das ist nicht in einigen
Jahren zu bewerkstelligen, aber es muss einfach Menschen
geben, die das ansprechen und immer wieder in Erinnerung
rufen. Ich glaube, dass wir das, wie es in der evangelischen
Kirche schrittweise gekommen ist, eines Tages auch in
der katholischen Kirche erreichen werden. Resignation
ist bei mir überhaupt kein Grund. Für mich sind einfach
20 Jahre eine sehr lange Zeit. Ich möchte jetzt hier
einen Schlussstrich setzen und vielleicht etwas Neues
beginnen.
Welche Wünsche geben Sie Ihrem Nachfolger mit auf den Weg?
Groß: Ich empfehle dem nächsten Katholikenrat und dem oder der Vorsitzenden,
die Aufgaben des Katholikenrates, wie sie in der Satzung
beschrieben sind, zu verwirklichen. Das bedeutet zu
schauen, wer benachteiligt ist, wer Hilfe braucht, wer
am Rande steht. Denn Christen sollten die, die am Rande
stehen und die benachteiligt sind, als erste sehen.
Das Gespräch führte TV-Redakteurin Beatrix Gramlich.
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