
Ewald Meyer
Ein großer Verlust für den Weinort Irsch:
Die Vereinsgeschichte des ältesten Winzervereins an der Saar ist mit Ablauf des Jahres 2002 beendet.
Am 7. November 1897 wurde in Irsch von neun Mitgliedern der erste Winzerverein an der Saar gegründet. Diese neun Winzer übernahmen damals eine Vorreiter- und Pionierrolle für die Irscher Landwirte und Winzer im Nebenerwerb, denn sie erkannten, dass sie neben Ackerbau und Viehhaltung für die harte Arbeit im Weinberg auch eine willkommene Aufbesserung ihres knappen Einkommens an barer Münze erwarten konnten. Ackerbau und Viehhaltung deckten in der Regel nur die minimalsten Existenzbedürfnisse der meist kleinbäuerlichen Großfamilien. Schnell erreichte die Genossenschaft einen rasanten Aufschwung, denn bereits am 6. März 1905 wurde laut Schulchronik eine Petition an den preußischen Landtag gerichtet, die von 194 Irscher Winzergenossen unterzeichnet war und dazu führte , dass 1909 diese Bitten ins Weingesetz aufgenommen worden sind. Dass aus den bescheidenen Anfängen der Genossenschaft innerhalb eines Jahrhunderts ein Unternehmen mit immensen Produktions-, Umsatz-, Bilanz- und Investitionsmengen werden sollte, konnten sie aber sicherlich nicht ahnen.

Die Geschichte des genossenschaftlichen Vereins blieb von der Gründung bis zur Auflösung wechselvoll:
In der Festschrift zum 30jährigen Bestehen schrieb der damalige Rendant Matthias Konter. "1900 wurde den bescheidenen Verhältnissen entsprechend ein eigener Keller für 30 Fuder gebaut. Daneben wurden Keller gemietet im Orte, in Saarburg und in Trier. 1908 erfolgte die erste Erweiterung der Kellerei für 80 Fuder. Eine geplante weitere Erweiterung vereitelte der Krieg. Dann vernichtete die Inflation das gesammelte Kapital für eine 1919 beschlossene Vergrößerung. Erst 1927 konnte sie ausgeführt werden. Heute kann der Verein 300 Fuder lagern. Er zählt 116 Mitglieder mit einem Weinbergsareal von ca. 30 ha" .

In der Festschrift zum 100jährigen Bestehen wird zur Geschichte des Vereins berichtet:
"Bei einem Bombenangriff am 1. Dezember 1944 wurden die Einrichtungen völlig zerstört. Der Gesamtschaden betrug 315.000 Reichsmark. Der Initiative des damaligen Geschäftsführers Matthias Konter ist es zu verdanken, daß die Gebäude wieder aufgebaut wurden. Auch die Mitglieder mußten schwere Opfer bringen. Am 28. November 1946 feierte man das 50jährige Jubiläum (vier Monate nach der Währungsreform! ). Pfarrer Schwaab segnete die wieder errichteten Gebäude des Winzervereins. Bis zum Jahre 1966 wurden fast alle Irscher Winzer Mitglied des Winzervereins. In den Jahren 1967/68 wurde eine gesonderte Kelterhalle errichtet. Es wurden Horizontalpressen und eine automatische Traubenerfassungsanlage mit einem Kostenaufwand von 300.000 DM angeschafft. Durch weitere Mitgliederzuwächse aus den Nachbargemeinden, insbesondere aus dem bekannten Weinort Ockfen wurde 1970 umfirmiert. Seither trägt unsere Winzergenossenschaft den Namen `Winzerverein Irsch-Ockfen eG´. 1975 erreichte er mit 264 Mitgliedern seinen höchsten Stand. Deshalb wurde in den Jahren 1975/76 für über 1 Millionen DM eine neues Kellergebäude errichtet. Im Rahmen einer groß angelegten Feier wurde der Neubau am 1. Mai 1976 von Pater Markus eingeweiht. Die Lagerkapazität betrug nun einschließlich Flaschenlager über 1,5 Millionen Liter".

Noch in jüngster Zeit vor dem 100jährigen Jubiläum wurden Investitionen für die Anschaffung von Edelstahltanks, einem komplett neuen Dachstuhl für das alte Gebäude und für eine Etikettiermaschine getätigt. Unter dem Geschäftsführer Herbert Becker und dem Kellermeister Franz Lenz wurden hervorragende Weine aus den von den Mitgliedern bewirtschafteten Weinbergen erzeugt und auf den Markt gebracht. Das dokumentieren zahlreiche Prämiierungen und der 1991 verliehene Staatsehrenpreis. Seit 1987 waren auch zwei hervorragende Winzersekte im Verkaufsangebot. Dass das Exportgeschäft z.B. nach USA, Großbritannien, Japan, Kanada, Schweden und Niederlande fast 25% des Gesamtumsatzes ausmachte, gehört zur Erfolgsbilanz des genossenschaftlichen Unternehmens.

Bei der Darstellung der Ziele und Perspektiven in der letzten Festschrift, wurde aber auch schon Skepsis ausgedrückt:
"Die augenblicklichen Bemühungen haben das Ziel, die gesamte Ernte als Flaschenwein/Sekt zu vermarkten. Die Erlöse im Faßweingeschäft sind unbefriedigend. Daran hat auch die Einführung einer Hektar-Höchst-Ertragsregelung seit 1989 bis heute nichts ändern können. Außer viel Bürokratie hat die Mengenregulierung nichts gebracht. An der übermäßigen Flut von gesetzlichen Vorschriften und Verordnungen muß gezweifelt werden. Diese und viele andere Faktoren haben in den vergangenen Jahren dazu geführt, dass immer mehr Winzer ihre Flächen aufgegeben haben. Außer dem Verlust unseres typischen Landschaftsbildes werden auch die Winzergenossenschaften aufgrund der geringer werdenden Ernten einen schweren Stand am Markt haben".
Eine Statistik des Geschäftsführers Herbert Becker belegt, dass diese Prognose schneller als vermutet Wirklichkeit wurde. Die hundertjährige Ära des Winzervereins endete leider bald. Mitgliederzahl und Anbaufläche sanken stetig:
Entwicklung der Mitglieder
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1991 |
1992 |
1993 |
1994 |
1995 |
1996 |
1997 |
1998 |
1999 |
2000 |
2001 |
217 |
213 |
209 |
198 |
178 |
172 |
165 |
159 |
159 |
156 |
142 |
Entwicklung der Weinbergsfläche in ha
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1991 |
1992 |
1993 |
1994 |
1995 |
1996 |
1997 |
1998 |
1999 |
2000 |
2001 |
62,50 |
59,60 |
59,05 |
55,25 |
45,40 |
40,82 |
34,98 |
34,50 |
34,35 |
30,58 |
25,02 |
Entwicklung der Erntemenge in Fuder
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1991 |
1992 |
1993 |
1994 |
1995 |
1996 |
1997 |
1998 |
1999 |
2000 |
2001 |
512 |
1326 |
780 |
756 |
588 |
444 |
371 |
570 |
448 |
403 |
211 |
Zudem wies die Altersstruktur der Mitglieder aus, dass kaum Nachwuchs für den Winzerberuf im Nebenerwerb zu erwarten war. Mit der geringen Erntemenge waren keine kostendeckenden Erlöse zu erzielen. So mussten bereits im Jahresabschluss 1.10.1999 bis 30.09.2000 ein Verlust von 13.000 und im Jahresabschluss 1.10.2000 bis 30.09.2001 ein solcher von 63.000 DM verkraftet werden. Der totale Substanzverlust drohte. Deshalb beschlossen die Mitglieder in der Generalversammlung am 19.04.2002 bei 1 Gegenstimme und 1 Enthaltung die Auflösung der Genossenschaft mit Ablauf des Geschäftsjahres 2002 und damit ein tragisches Ereignis in der Geschichte des Weinortes Irsch. Damit endete nach 105 Jahren die Geschichte des ältesten Winzervereins an der Saar.
Auch das Landschaftsbild unserer Heimat wurde vom Mittelalter bis heute durch den Weinanbau geprägt: Jahrhunderte hindurch wurde Heckenland zunehmend durch Weinberge verdrängt. Der älteste (und damals einzige) Irscher Weinberg befand sich nach mittelalterlichem Güterverzeichnis in klösterlichem Besitz und war in der Fröhn. Bereits vor dem 30jährigen Krieg haben dann auch Irscher Höfer Heckenland gerodet und in Weinberge umgewandelt, denn in einer Statistik über die Verluste während dieses Krieges wird ein Rückgang der Weinerzeugung in Irsch von 26 auf Null Fuder ausgewiesen. 1720 besaßen bereits 63 Irscher Winzer insgesamt 77558 Weinstöcke. Zu diesen Winzern zählte auch der Irscher Pastor mit 2635 Stock. Durch den Bau der Eisenbahn erlebten die Weingüter in Beurig einen gewaltigen Aufschwung. Die Weingüter Keller und Fischer-Jung erwarben um 1860 große Irscher Heckengebiete als Weinbergsareale. Das Weingut Cloeren aus Beurig verwandelte 1901/02 Heckenland auf Sellscheid in die Weinlage Hubertusberg mit 38000 Reben. Noch in den 50er Jahren nach dem zweiten Weltkrieg wurde eine große Weinanbaufläche in der Gemarkung `Vogelsknipp´ im Irscher Bachtal angelegt. Die Rebflächen Vogelsknipp und Hubertusberg sind bereits ganz renaturiert, am Scharfenberg sind sie zum größten Teil verschwunden, und in den Lagen Sonnenberg und Fröhn nehmen die Brachflächen auch zu. Der Weinanbau verliert zunehmend an prägender Wirkung im Landschaftsbild.
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